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24. Mai 2026

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Wald & Wasser · 14min

Mai in der Schorfheide — eine Wanderung zwischen Buchen und Birken

Ein Tag im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, zwischen Lubowsee und Großdöllner Heide. 18 Kilometer Sandweg, ein Moor, ein Kuckuck, ein Schöpflöffel Erbsensuppe.

Sandweg durch hohe Kiefern in der Schorfheide, weiches Maimorgenlicht
— Sandweg durch hohe Kiefern in der Schorfheide, weiches Maimorgenlicht —

Wer im Mai durch die Schorfheide läuft, läuft durch ein Land, das gerade aus dem Wintergrau in das volle Grün hineinwächst, ohne dort bereits angekommen zu sein. Die Buchen zeigen jenes hellgrüne Laub, das nur zwei oder drei Wochen so hell bleibt, bevor es nachdunkelt und seine Konturen verliert. Die Birken stehen, fast unwirklich, mit ihren weißen Stämmen vor den schwarzen Kiefernreihen, als wären sie hineingezeichnet worden. Und die Sandwege — das ist die eigentliche Geographie der Schorfheide, mehr noch als die Wälder selbst — sind nach dem letzten Regen feucht genug, dass man die Spuren von Reh, Wildschwein und gelegentlich Wolf lesen kann, wenn man sich Zeit nimmt.

Ich nehme mir Zeit. Sechs Uhr früh am Bahnhof Joachimsthal, der Bus kommt erst um sieben, also setze ich mich auf die Bank vor dem Bahnhofsgebäude — orangerot gestrichene Klinkerwand, vier Schwalbennester unter dem Vordach, eine Kaffeemaschine im benachbarten Kiosk, die noch nicht aufgeheizt ist — und höre dem Wind in den Pappeln auf der anderen Straßenseite zu. So beginnt jede Schorfheide-Wanderung, die nicht mit dem Auto kommt: mit einem kleinen Zeitfenster, in dem man feststellt, dass man hier eigentlich gar nicht weitermüsste, weil schon der Bahnhof selbst genug Stoff für eine halbe Stunde Beobachtung gibt.

Die Strecke — siebzehn Kilometer, fast eben

Die Tour, die ich heute laufe, beginnt offiziell am kleinen Wanderparkplatz Glambecker Mühle, drei Kilometer nordwestlich von Joachimsthal. Vom Bahnhof aus geht man entweder eine Stunde dorthin oder nimmt den Linienbus 916 Richtung Templin, der zweimal vormittags fährt und einen direkt absetzt. Von dort führt der markierte blaue Querbalken zunächst nach Nordwesten in Richtung Lubowsee, dann nach einem scharfen Knick fast genau ostwärts zum Großdöllner See, und schließlich in einem weiten Bogen zurück durch die sogenannte Großdöllner Heide nach Joachimsthal. Auf der Karte sind das 18,3 Kilometer; tatsächlich liefen es bei mir 17,8, weil ich einmal eine kleine Abkürzung über einen Holzfällerpfad genommen habe. Höhenmeter im klassischen Sinn gibt es nicht — die Schorfheide ist eine Endmoränenlandschaft, aber die markanten Hügel liegen woanders. Hier bleibt man fast immer zwischen 50 und 75 Metern über dem Meeresspiegel, und doch fühlt sich der Weg an manchen Stellen anstrengend an, weil der Sand in den Schuhen so tief ist.

Schuhe sind, kurze Anmerkung, der einzige praktische Punkt, den man wirklich ernstnehmen sollte. Halbhohe Wanderschuhe mit fester Sohle; keine Trail-Runner. Der Sand kommt sonst von oben in den Schaft, und nach zehn Kilometern hat man eine Reibstelle, die einen die letzten sieben Kilometer ärgern lässt.

Vögel, die man hören muss, bevor man sie sieht

Der Mai ist in der Schorfheide vor allem ein akustisches Erlebnis. Zwischen dem Parkplatz Glambecker Mühle und dem ersten Blickkontakt zum Lubowsee — das sind vielleicht 1,8 Kilometer durch Mischwald — habe ich notiert: drei Buchfinken, ein Zilpzalp (offensichtlich, der ruft seinen eigenen Namen aus), eine Singdrossel, einen Eichelhäher, der einmal scharf zwischen die Kiefern rief und dann lautlos abdrehte, und — das eigentliche Geschenk dieses Morgens — einen Kuckuck. Den ersten in diesem Frühjahr.

Der Kuckuck rief aus Richtung Süden, vielleicht 400 Meter querab, vielleicht weiter; in diesem flachen Wald täuscht die Entfernung. Er rief siebenmal und schwieg dann. Wer sich in den Schorfheide-Wäldern auskennt, weiß, dass Kuckucke hier seit etwa fünfzehn Jahren zunehmend selten geworden sind — die Daten der Brandenburger Vogelwarte zeigen einen Rückgang von rund vierzig Prozent zwischen 2005 und 2020, was mit dem Rückgang der Wirtsvogelarten (Teichrohrsänger, Gartengrasmücke) korreliert. Insofern: ein Kuckuck an einem Maivormittag ist nicht mehr selbstverständlich. Ich blieb stehen, hörte ein zweites Mal seinen Ruf, und ging dann langsam weiter, mit jener leisen Heiterkeit, die solche Begegnungen erzeugen.

Andere Stimmen folgten im Verlauf des Tages: ein Schwarzspecht auf einem trockenen Kiefernhochstamm bei Kilometer sieben, der mit seinem ruhigen, fast melancholischen Trommeln den ganzen Bestand markierte; ein Wendehals, dessen seltsam katzenartiger Ruf mich für eine Sekunde stehen ließ; und nahe dem Großdöllner See ein einzelner Pirol, der wie immer in der Krone einer Pappel saß und sich nicht zeigen wollte.

Das kleine Moor zwischen Glambecker Mühle und Lubowsee

Etwa drei Kilometer nach Beginn der Tour öffnet sich der Wald, der Pfad biegt nach Nordwesten, und man steht plötzlich an einem Hochmoor, das auf keiner größeren Karte als solches markiert ist. Es handelt sich um ein kleines Kesselmoor von vielleicht 200 mal 150 Metern, eingerahmt von Kiefern und einigen Moorbirken, die mit ihren krummgewachsenen Stämmen genau in das Bild gehören, das jeder Mensch von einem nordeuropäischen Moor im Kopf hat. Über dem Moor steht im Mai die Wollgras-Blüte: kleine, weiße Wattekugeln auf langen Stielen, die sich im Wind bewegen wie ein nervöses Schneeschauer. Daneben — wer genau hinschaut — die ersten Blütenstände des Sonnentaus, jener fleischfressenden Pflanze, deren rote Drüsenhaare gegen das dunkelbraune Torfwasser leuchten.

Ich saß zwanzig Minuten am Rand dieses Moors, auf einem trockenen Strunk, und tat nichts. Das ist, glaube ich, der eigentliche Grund, warum man im Mai in die Schorfheide kommt: nicht um Kilometer zu sammeln, sondern um an einem Moor zu sitzen, und nichts zu tun.

Der See, die Mittagspause, der Einkehrtipp

Der Lubowsee liegt nach Westen versteckt zwischen zwei Wäldern; man erreicht ihn über einen kurzen Stichweg vom Hauptpfad. Im Mai liegt er meistens still — die Hechtangler kommen erst im Juni, und die wenigen Badestellen sind noch zu kühl. Ich umrundete den See teilweise, vielleicht zwei Drittel, blieb dann an der Nordseite, wo ein Bohlensteg ins Wasser führt, und setzte mich für die zweite Pause des Tages auf die letzte trockene Planke.

Nach dem See kommt der einzige offizielle Einkehrtipp dieser Tour: die Försterklause am Großdöllner Weg, ein kleines Holzhaus mit dunkelgrün gestrichener Fassade und vier Außentischen, geführt von einem Ehepaar, das im Sommer Samstag bis Mittwoch ab 11 Uhr öffnet und für etwa neun Euro eine ehrliche Erbsensuppe serviert, mit Mettenden aus Friedrichswalde, dunklem Brot und einer Karaffe Wasser. (Telefonisch reservieren bei Bedarf — die Familie hat fünf Tische innen, und an Maiwochenenden ist die Klause oft voll.) Wer keinen Sinn für Erbsensuppe hat, bekommt im Mai auch einen kleinen Salat mit Bärlauchblättern aus dem Wald hinter dem Haus; ich hatte beides probiert, vor zwei Jahren, und kann den Salat empfehlen.

Wer am Sonntag wandert, sollte wissen, dass die Klause sonntags geschlossen ist; alternative Versorgung gibt es dann nur in Joachimsthal selbst, am Ende der Tour. Für die Strecke selbst reicht aber meistens Thermoskanne, Brot und eine kleine Handvoll Trockenfrüchte; die Schorfheide ist nicht das Lausitzer Bergland, man verhungert hier nicht.

Der Rückweg und das Licht des frühen Abends

Vom Großdöllner See zurück nach Joachimsthal führt der Weg zunächst durch jüngeren Kiefernforst — gepflanzt etwa in den achtziger Jahren, mittlerweile in den ersten Durchforstungen — und dann, ab Kilometer 13, durch ältere Bestände mit Eichen-Beimischung. Hier ist der Weg breit genug, dass man die Lichtverhältnisse wahrnimmt: am späten Nachmittag, gegen 17 Uhr, fällt das Maisonnenlicht so flach in den Wald, dass die einzelnen Sandkörner auf dem Pfad sichtbar werden, jedes mit seinem eigenen winzigen Schatten. Es ist eine Art Licht, das man fotografisch kaum festhalten kann, weil es immer auf den Bildern weniger besonders wirkt als in Wirklichkeit. Vermutlich liegt das daran, dass man hier nicht das Licht selbst sieht, sondern das Verhältnis zwischen Licht und der eigenen Müdigkeit nach 15 Kilometern.

Die letzten drei Kilometer in Richtung Joachimsthal sind nicht spektakulär, aber ruhig. Man begegnet im Mai gegen Abend kaum noch jemandem; einmal kreuzte mein Weg den eines älteren Ehepaars mit Hund, das mir freundlich „Guten Abend” zurief, und zweimal überholte mich ein Mountainbiker, der dann irgendwo abbog. Sonst nichts. Ein Reh am Waldrand, das mich lange ansah, bevor es zwei Sätze in den jungen Forst sprang. Eine Heidelerche, die schon zur Brut aufgebrochen war.

Am Bahnhof Joachimsthal um kurz nach 19 Uhr — die RB12 nach Berlin fährt halbstündig, das letzte Mal um 21:30 — saß ich wieder auf derselben Bank wie am Morgen, jetzt mit Sand in den Schuhen und einer leichten Müdigkeit in den Beinen, die nicht unangenehm war. Die Schwalben hatten Schichtwechsel; einer flog tief über den Bahnsteig, fast bis vor meine Füße.

Was man mitnehmen sollte

Praktisches zum Abschluss, weil das Ressort Wege eigentlich diesen Teil übernehmen sollte und ich ihm hier nur kurz zuarbeite: feste Schuhe, eine kleine Thermoskanne, ein Fernglas (für den Pirol — wir haben es alle nicht gesehen, aber man kann es immer wieder versuchen), Karte oder Smartphone mit Offline-Karte (die Hardware-Karte „Naturpark Schorfheide-Chorin Nord” der Landesvermessung im Maßstab 1:50.000 ist die beste; sie ist in Joachimsthal in der Tourist-Info erhältlich, für 9,90 Euro). Und einen Notizblock, weil im Mai in der Schorfheide ständig etwas passiert, das man später vergessen würde, wenn man es nicht aufgeschrieben hätte.

Im Juni — nur als kleine Vorausschau — wechselt der Wald von Hellgrün zu Dunkelgrün, das Wollgras blüht ab, der Kuckuck wird leiser, und die ersten Wanderer:innen aus Berlin füllen die Klause am Wochenende. Wer den Mai erwischt, hat das Glück gehabt, einen Wald in jenem Zustand zu sehen, in dem alles noch im Werden ist.


Ressort: Wald & Wasser